Walreise – Island im Winter - Winter-Whale-Watching in Island: Zu Besuch bei den Orcas und Pottwalen vor der Küste von Snaefellsnes.

ORCAS IM SCHNEE

Sturm, Eis und Orcas: eine Winterreise an die Nordwestküste Islands.

ORCAS IM SCHNEE

Sturm, Eis und Orcas: eine Winterreise durch Island.

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Das Knistern des Schnees und der Atem des Wals: mehr ist auf diesem Bild nicht zu hören.

Walreise ISLAND

Goldenes Licht, spiegelglatte See, dicke, weiche Schneeflocken, die leise knisternd ins Meer rieseln. Rund ums Boot: alles voller Orcas, stundenlang.

Sie schwimmen dicht am Boot vorbei, wir können sie ruhig und gleichmäßig atmen hören. Manche haben Neugeborene dabei, man erkennt sie leicht an ihrer orangenen Färbung – die Haut ist noch so dünn, dass das Blut durch die weißen Stellen hindurch scheint.

An Bord: Staunen, Glück, Beseeltheit. »Gift days« nennt der Wal-Forscher Richard Sears solche Tage, magische Tage, wie ein Geschenk. Wenn man Glück hat, erlebt man davon zwei bis drei pro Jahr. Glück, das wir auf dieser Winter-Reise wirklich zuhauf haben.

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Goldenes Licht, spiegelglatte See, ein Orca nah am Boot – »gift days« sind in Island ganz besonders schön.

Island SNAEFELLSNES

Die Halbinsel Snaefellsnes im Nordwesten Islands gehört zu den besten Gegenden Europas, um Orcas zu beobachten. Meist sieht man sie hier ab November, oft bis weit in den Sommer hinein.

Wie überall im Atlantik folgen die Orcas dem Hering, in großer Zahl zieht er durch den Atlantik, auf weitgehend unerforschten Bahnen. Wir wissen ganz gut, wie man Hering aus dem Meer fischt und zu Filets verarbeitet. Was der Hering allerdings treibt, wenn er gerade mal nicht versucht, den Fangnetzen der Fischer auszuweichen, ist noch immer weitgehend unbekannt.

Die meiste Zeit des Jahres hält er sich irgendwo auf dem offenen Meer auf, weitab der Küsten. Im Winter zieht es ihn dann zum Laichen in die flacheren und geschützten Küsten-Gewässer – wo genau er dann allerdings auftaucht, ist jedes Jahr aufs Neue ein großes Rätsel.

Auf Snaefellsnes kann man alles erleben, was Island zu bieten hat – im Winter zum Beispiel tosende Stürme, vereiste Straßen, verschneite Lavafelder und ein wirklich ganz phantastisches Licht.

Besonders die Küsten Norwegens und Islands haben es dem Hering angetan. Da die norwegischen Fjorde weit ins Land hinein reichen und von gewaltigen Bergketten vor Wind und Wetter geschützt sind, ist der Wal-Tourismus hier geradezu explodiert: Seit ein paar Jahren schon halten es einige norwegische Anbieter für eine gute Idee, das Schnorcheln mit Orcas und Buckelwalen anzubieten. Und viel zu viele Menschen nehmen dieses Angebot an.

Mich hat es noch nie ins Wasser gezogen. Ich habe Respekt vor Walen und finde es beeindruckend genug, sie vom Boot aus zu beobachten. Und ich glaube, dass die Antwort auf die Frage, ob man mit Walen ins Wasser steigen sollte, ziemlich gut auch das eigene Verhältnis zur Natur beschreibt: Wissen wir, wo unser Platz ist? Meiner ist im Boot.

Was man wissen muss, bevor man im Winter nach Island fährt: Man braucht hier immer ein paar Tage in Reserve. An nur wenigen Orten ist man der Natur so sehr ausgeliefert wie hier.

Ganz anders die Situation in Island: Die Fjorde sind breiter, tiefer, ungeschützter, das Wasser ist durch Winde und Strömungen aufgewühlt und düster. Hier kann niemand tauchen. In Norwegen kann man auch in härteren Winter noch ganz gut planen. In Island dagegen machen Pläne keinen Sinn. An nur wenigen Orten ist man der Natur so sehr ausgeliefert wie hier.

Gerade im Winter ist an eine Boots-Tour oft nicht einmal zu denken. Man braucht daher immer ein paar Tage in Reserve. Das muss man wissen, bevor man im Winter nach Island fährt.

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Größer als Theresa: Die Finne eines männlichen Orcas kann bis zu zwei Meter lang sein.

Island ORCAS

»Da! Da hinten!! Orcas!! Auf elf Uhr! Da war eine Finne, nur ganz kurz, aber ich bin sicher!!« Ich drehe mich um, fuchtele aufgeregt mit den Armen und bemühe mich, Gislis Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen.

Gisli Olafsson ist der Kapitän unseres Bootes, er ist seit Jahren in diesen Gewässern unterwegs, früher als Fischer, heute als Whale-Watching-Kapitän, seine Firma Laki Tours ist der einzige Anbieter der Halbinsel. Gisli weiß Bescheid hier, und das strahlt er auch aus.

Beruhigend, gütig (und schon auch ein bisschen belustigt) nickt er mir zu: Ja, Orcas, mehrere, zwei Gruppen. Gisli hat sie längst gesehen, lange vor mir, seit zwanzig Minuten schon steuert er das Boot in ihre Richtung. Mit Ruhepuls dreißig sitzt er da an seinem Steuer, und sein Blick sagt nichts als: »Nur die Ruhe, mein Junge, alles wird gut.«

Ich lehne mich zurück und warte. Tapfer kämpft sich unser Boot durch die Wellen, es hat aufgefrischt seit gestern, kein goldenes Licht mehr, kein Schnee, keine spiegelglatte See, stattdessen weht uns der Wind jetzt eisig um die Nase. Wir kommen näher. Wo sind die Orcas? Es ist nicht leicht, sie im Blick zu behalten. Zumindest, wenn man nicht Gisli ist.

Allein die Finne eines männlichen Orcas ist größer als Theresa. Auf dem Wasser fehlen da manchmal ein bisschen die Relationen.

Dann, ganz plötzlich, eine Finne. Wie ein riesiges Schwert schneidet sie durchs Wasser. An Bord eines Bootes macht man sich ja keine Vorstellung davon, wie groß so eine Orca-Finne ist:

In Grundarfjordur steht eine Skulptur des isländischen Künstlers Unnsteinn Gudmundsson, ein ausgewachsener Orca-Bulle namens »Thunderstorm«, den man hier im Winter regelmäßig auch in echt beobachten kann. Allein seine Finne ist größer als Theresa, man kann das oben auf einem der Fotos sehen. Auf dem Wasser fehlen da manchmal ein bisschen die Relationen.

Dann eine zweite Finne, gleich neben der ersten. Eine dritte, eine vierte, noch eine und noch eine. Kurz darauf ist rund um das Boot alles voller Finnen. Manche aufrecht wie ein Schwert, manche geschwungen wie eine Sichel, andere gebogen wie ein verunglücktes Wellblech.

Orcas vor der Küste von Snaefellsnes. Im Hintergrund der Leuchtturm von Öndverdarnes. Manchmal kann man die Orcas sogar von dort aus sehen. Im Boot ist man aber doch ein bisschen näher dran.

Es ist bei Orcas immer dasselbe: Erst sieht man lange Zeit nichts; dann irgendwo ein kurzes schwarzes Blitzen und die bange Frage, ob man sich da gerade nur verguckt hat; dann das lange Warten und Suchen; irgendwann endlich ein zweites Blitzen, ein drittes – binnen Sekunden ist die See voller Wale, und man wundert sich, wo sie so plötzlich alle hergekommen sind.

Wir begleiten sie eine Weile, das Boot tuckert friedlich vor sich hin. Um uns die Wellen, das Schreien der Möwen und der Blas der Orcas. Im Hintergrund der Snaefellsjökull, ein eisbedeckter Vulkan, der in Jules Vernes »Reise zum Mittelpunkt der Erde« als Einstieg gedient hat. Grell orange leuchtend davor der kleine Leuchtturm von Öndverdarnes.

Vor ein paar Jahren im Sommer hatte ich Theresa mal zu einer Wanderung dorthin überredet: Ich hatte gelesen, dass man mit etwas Glück vom Leuchtturm aus Orcas sehen kann. Und Orca-Wanderungen sind natürlich Theresas Lieblings-Wanderungen. Es war heiß an diesem Tag, brütend heiß, staubtrocken und wahnsinnig windig. Der Weg durch das Vulkan-Geröll zog sich. Und dann, am Leuchtturm angekommen: weit und breit kein einziger Orca!

Theresa war etwas ungehalten an diesem Tag. Hier und heute vom Wasser aus ist die Stimmung dagegen bestens.

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Ich GLAUBE, dass auf diesem Foto »Raggedy« (SN074, links) und »Hiccup« (SN127, hinten rechts) zu sehen sind. Den eigentlich am besten sichtbaren Orca vorn in der Mitte finde und finde und finde ich allerdings nicht im Katalog!

Island ORCA GUARDIANS

Immer mit an Bord: Marie Mrusczok und Karl O'Neill von den »Orca Guardians Iceland«. Beide arbeiten als Guides für Gisli und erforschen nebenbei die Orcas vor Snaefellsnes. Vor ihnen hat das nämlich noch niemand gemacht.

Irgendwann in den Siebziger Jahren ist dem kanadischen Forscher Michael Bigg im Norden von Vancouver Island, Kanada, aufgefallen, dass Orcas zwar alle wahnsinnig ähnlich ausschauen, dass sie sich in allerkleinsten Details aber dennoch voneinander unterscheiden.

Die Finne zum Beispiel: Bei weiblichen Orcas ist sie klein und meist stark geschwungen. Bei männlichen Orcas dagegen kann sie bis zu zwei Meter lang werden, wie ein mächtiges Schwert sitzt sie senkrecht auf dem Rücken – daher auch der Name »Schwertwal«.

Bigg war nun aufgefallen, dass sich die Finne nicht nur zwischen weiblichen und männlichen Orcas unterscheidet, sondern – wenn auch minimal – innerhalb der Geschlechter. Zwischen all diesen runden und spitzen Finnen sah Michael Bigg also tatsächlich Unterschiede.

Und dann die Muster: Orcas sind schwarz-weiß gefärbt, und vor allem die weiß-grauen Schlieren und Flecken unterhalb der Finne sind beim Auftauchen sehr gut zu erkennen. Auf die ersten drei Blicke sehen sie zwar für fast alle Menschen gleich aus – nicht aber für Michael Bigg.

Weibliche und männliche Orcas lassen sich leicht anhand ihrer Finne unterscheiden. Innerhalb der Geschlechter den Überblick zu behalten, ist allerdings noch mal eine ganz andere Sache.

Alles was er nun brauchte, war Zeit, um die Unterschiede in Ruhe zu begutachten. Michael Bigg begann also, Orca-Finnen und -Muster zu fotografieren, Fotos zu vergleichen, einzelne Tiere zu benennen und sie in Katalogen abzubilden. Die Foto-Identifikation war geboren.

Bis heute sind Foto-IDs die wichtigste und sicherste Methode geblieben, um einzelne Wale eindeutig zu benennen und sich dadurch einen Überblick zu verschaffen, wie viele Wale es in einer bestimmten Gegend zu einer bestimmten Zeit überhaupt gibt.

Als Marie vor ein paar Jahren nach Snaefellsnes kam, fiel ihr auf, dass hier zwar beinahe das ganze Jahr über Orcas zu sehen sind – dass sich bis dahin aber noch niemand die Mühe gemacht hatte, sie anhand von Fotos zu identifizieren, zu zählen und in einem Katalog abzubilden.

Also gründete sie die »Orca Guardians Iceland« und fing damit an. Als Guide an Bord von Laki Tours ist sie jeden Tag auf dem Wasser, davon können die meisten Forscher nur träumen. Auch Gisli ist froh: »Marie ist eine überragende Spotterin, alle beneiden mich um sie.«

Bislang haben Marie und ihre Mitstreiter vor Snaefellsnes gut 600 verschiedene Orcas identifiziert. Pro Saison macht Marie dafür über 40.000 (!) Fotos.

Seit 2016 haben die »Orca Guardians« bereits 380 Orcas vor Snaefellsnes identifiziert, den Katalog kann man sich auf der Webseite gratis herunterladen. Ein zweiter Teil ist gerade in Arbeit, vermutlich werden es dann über 600 identifizierte Tiere sein.

Die meisten isländischen Orcas sind regelmäßig in diesen Gewässern zu sehen, viele von ihnen werden auch vor den Shetlands gesichtet, wo Hugh Harrop an einem Katalog arbeitet. Man weiß durch diese Arbeit von über 30 Orcas, die zwischen Island und Schottland pendeln.

Marie erzählt, dass ein paar Wochen vor unserer Ankunft ein isländischer Orca namens »SN113« bzw. »Riptide« an der Küste vor Beirut (!) gesichtet wurde – das ist gut 8.000 Kilometer entfernt und die längste bekannte Wanderung, die je bei einem Orca gemessen wurde.

Eine Entdeckung, die ohne Foto-Identifikation und die mühsame Arbeit der Katalogisierung niemals möglich gewesen wäre.

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Die mächtige Fluke eines Pottwals. Wirklich alles an diesem Tier ist gewaltig.

Island POTTWALE

Was für Theresa die Orcas sind, sind für mich die Pottwale. Schön, dass man vor Snaefellsnes regelmäßig beiden begegnen kann. Das geht nicht an vielen Orten auf der Welt.

Bei Theresa ging es schon immer und vor allem um Orcas. Natürlich hat sie sich auch über andere Wale gefreut, wenn wir ihnen begegnet sind, das schon, trotzdem habe ich sie noch nie sagen gehört, dass wir unbedingt mal wieder irgendwo hin fahren müssen, wo man – nur so zum Beispiel – Pottwale sehen kann. Solche Sachen sagt sie nur bei Orcas.

Ich glaube, Schuld an dieser Begeisterung ist »Free Willy«, dieser Film hat bei wirklich vielen Menschen etwas ausgelöst, auch bei Marie von den Orca Guardians war das so, sie hat uns davon erzählt. Gerade die jüngere Orca-Forschung allerdings hat ganz gut gezeigt, dass es schon auch ohne diesen Film einige gute Gründe gibt, sich mit Orcas verbunden zu fühlen:

Orcas sind intelligent und empathisch, sie etablieren Dialekte und Kulturen, verfügen über Erinnerung und Persönlichkeit; sie leben in stabilen Familienverbänden und passen ein Leben lang aufeinander auf; sie schmieden Pläne, handeln strategisch, empfinden Wut, Trauer, Schmerz, Dankbarkeit, Treue – und wahrscheinlich sogar Liebe.

Uns mögen viele Tonnen Gewicht trennen, wir mögen in gegensätzlichen Lebensräumen leben und ein bisschen anders aussehen – und doch gibt es zwischen Orca und Mensch bemerkenswert viele Anknüpfungspunkte. Für den amerikanischen Autor David Neiwert sind sie in seinem Buch »Of Orcas and Men« sogar so etwas, wie »die Menschen der Meere«.

Mich faszinieren die Unterschiede, das Fremde, das Unerforschte, die Geheimnisse und Rätsel. Und hier ist der Pottwal der Super-Wal, mit ihm gewinnt man spielend jedes Wal-Quartett.

Mich faszinieren bei Walen trotzdem vor allem die Unterschiede, das Fremde, das Unerforschte, die Geheimnisse und Rätsel – und gerade beim Pottwal auch ganz besonders seine unfassbaren Fähigkeiten, weshalb man zum Beispiel mich durchaus öfter sagen hört, dass wir unbedingt mal wieder irgendwo hin fahren müssen, wo man Pottwale sehen kann.

Der Pottwal ist der Super-Wal, mit ihm gewinnt man jedes Wal-Quartett: Er ist das größte Raubtier des Planeten, mit den größten Zähnen, dem größten Kopf, dem größten Gehirn; er kann mehrere Kilometer tief tauchen und dabei stundenlang die Luft anhalten.

Manchmal kollabiert bei den langen Tauchgängen sogar seine Lunge, aber das macht nichts, da sich der Pottwal sowieso lieber auf den Sauerstoff in seinen Muskeln verlässt. Wir Menschen wüssten nur zu gern, wie das geht. Herzinfarkte wären so weitaus weniger tödlich.

Im Wal-Museum in Reykjavik steht ein Modell, man glaubt erst nicht, dass es naturgetreu ist, denn so groß kann ein Pottwal ja unmöglich sein. Ist er aber. Und jeder einzelne Zahn ist so groß wie eine Faust. Zumindest, wenn man eine große Faust hat.

Pottwale sind allerdings nicht nur irre beeindruckend, sondern auch höchst sozial, gesellig, gutmütig und friedlich. Vielleicht ein bisschen so wie Kühe, nur eben viel, viel größer und im Wasser. Eine Kombination, die mich schon von Anfang an wahnsinnig begeistert hat.

Wenn sich Herman Melville und Jules Verne je hätten treffen wollen, dann vielleicht ja hier: Im Vordergrund der Wal aus »Moby Dick«, im Hintergrund der Berg aus »Reise zum Mittelpunkt der Erde«.

Auf jeder unserer Touren begegnen wir nicht nur Orcas, sondern auch Pottwalen. Und das geht nicht an vielen Orten auf der Welt – schuld sind die besonderen Bedingungen vor Snaefellsnes:

Eigentlich ist das Meer hier gar nicht so tief, gerade mal ein paar Hundert Meter, darüber können Pottwale normalerweise nur müde lächeln. Nicht weit vor der Küste jedoch fällt der Grund unvermittelt sehr schnell tief ab, von gerade mal 50 auf gut 350 Meter.

Dieser Graben funktioniert wie eine gigantische Pumpe, er produziert einen enormen Auftrieb und befördert dabei Unmengen an Nährstoffen aus der Tiefe nach oben. Und das freut nicht nur Seevögel und Meeresbewohner, sondern auch Walbeobachter.

Man kann diesen Graben gut vom Boot aus sehen, das Wasser verfärbt sich, Strömungen treffen in unterschiedlichen Tiefen aufeinander, die See ist rau und aufgewühlt, und überall schwirren Möwen, Eissturmvögel und Basstölpel umher, um sich am reichen Fisch-Buffet zu bedienen.

Und wie wir schon auf vielen früheren Touren gelernt haben: Wo die Vögel sind, sind auch die Wale oft nicht weit. Es ist als Wal-Beobachter daher immer ganz gut, auch die Vögel ein bisschen im Blick zu behalten.

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»Roulettes« Junges mit einer seiner Tanten (VERMUTLICH »Lady de Winter«). Den Auf- und Abtauch-Rhythmus der anderen Familienmitglieder hat es noch nicht so komplett raus.

Island MATCHING

Wir treffen uns mit Marie und Karl, um gemeinsam den Orca-Katalog anzuschauen. Und ich habe mich vorbereitet: Aus unseren ersten Touren habe ich rund zwanzig Fotos beisammen, die sich gut für ein Matching eignen sollten. Hoffe ich zumindest.

Vor ein paar Jahren hatte ich mich beim Blauwal-Matching mit Richard Sears ganz gut geschlagen. Der Plan für heute ist daher, diesen Erfolg nun mit Orcas zu bestätigen.

Marie erklärt uns, dass wir für die Identifikation immer möglichst Fotos von beiden Seiten brauchen. Da vor allem die langen Finnen der männlichen Orcas stark gewellt und gebogen sein können, sehen sie von der linken Seite manchmal völlig anders aus, als von der rechten.

Damit fallen gleich zu Beginn schon mal so gut wie alle meine Fotos raus. Bei Blauwalen ist es einfach, sie von mehreren Seiten aus zu fotografieren: Sie sind meistens allein unterwegs und nicht gerade die schnellsten Schwimmer. Es ist daher nicht allzu schwer, ein einzelnes Tier über einen längeren Zeitraum hinweg im Blick zu behalten.

Ganz anders ist es bei den Orcas: Sie sind meist in Gruppen unterwegs und ziemlich schnelle Schwimmer. Ohne Übung ist es kaum möglich, einzelne Tiere so lange im Blick zu behalten, bis man sie von mehreren Seiten aus fotografiert hat. Und trifft man dann noch, wie wir, auf eine weitere Gruppe, wird es schnell komplett unübersichtlich.

Marie erklärt, dass viele meiner Fotos ganz wunderbar die Finne zeigen, dass die darunter liegenden Muster allerdings kaum zu erkennen sind – für Foto-ID's ist das nicht so gut.

Marie erklärt außerdem, dass viele meiner Fotos zwar ganz wunderbar die Finne zeigen, dass die darunter liegenden Rückenmuster allerdings meist kaum zu erkennen sind. Doch um einzelne Orcas eindeutig bestimmen zu können, brauchen wir nicht nur die Finne von beiden Seiten, sondern jeweils auch die darunter liegenden grau-weißen Muster.

Ich habe diesen Fehler schon damals bei den Blauwalen gemacht: Weil mir die Sache mit den Mustern auf den ersten Blick zu kompliziert war, habe ich mich eben erstmal auf die Finnen konzentriert. Mit Finnen allein kommt man in der Wal-Forschung allerdings nicht weit, und das gilt wahrscheinlich nirgendwo so sehr, wie bei den Orcas.

Von den zwanzig Fotos, die ich heute zur Identifikation mitgebracht habe, bleiben nach Maries Erklärungen nur noch ein paar brauchbare Fotos übrig, und selbst die manchmal nur aus Zufall:

Denn eine der Orca-Gruppen hatte ein Junges dabei, das ich mehrfach und von verschiedenen Seiten fotografiert habe. Zwar eignen sich die Fotos des Jungen nicht zur Identifikation (ich hatte mich meist bemüht, den Kopf zu fotografieren, nicht jedoch Finne oder gar Muster), dafür war auf vielen Bildern des Jungen ganz wunderbar seine Mutter zu sehen.

Finnen, Finnen, Finnen: Nur genau eines dieser Bilder taugt wirklich zur individuellen Bestimmung – und zwar das letzte, das VERMUTLICH »Meteor« (SN048) zeigt.

Ich blättere mich durch den Katalog. Nach einer Weile verschwimmt alles zu einem schwarz-weißen Brei voller gebogener, geschwungener, gewellter und gestürzter Finnen. Trotzdem finde ich die Mutter irgendwann wieder: sie heißt »Roulette« und hat eine eher spitze Finne mit einem ausladendem Bogen-Muster, an dem unten noch ein kleiner weißer Zipfel hängt.

Da Orca-Familien normalerweise ein Leben lang zusammen bleiben, wird es nach dem ersten Match gleich etwas leichter, die übrigen Familien-Mitglieder zu identifizieren. Da meine Fotos dafür jedoch nicht ausreichen, zeigt uns Marie halt einfach direkt im Katalog, welche Tiere noch zur Familie gehören. Sie erkennt »ihre« Orcas beinahe auf den ersten Blick.

Theresa geht derweil ein bisschen anders an das Thema »Matching« heran: Schon beim ersten Durchblättern des Katalogs war ihr nämlich ein Orca mit einer ganz besonders wild geformten Finne aufgefallen – sein Name ist »Kinky«, und Theresas Plan ist nun also, auf unseren nächsten Touren vor allem nach »Kinky« Ausschau zu halten.

Ich bin natürlich nicht ganz sicher, ob das wirklich die optimale Herangehensweise ist, aber andererseits: Was weiß denn schon ich von der Orca-Forschung?

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Auf diesem Bild sieht man ganz gut, warum Orcas auch »Schwertwale« heißen.

Island STURM

Seit einer Woche sind wir eingeschneit, draußen tobt ein Sturm, so mächtig, dass sogar die Einheimischen ihn »hässlich« nennen. Nichts geht mehr, der Winter hat die Kontrolle übernommen.

Im Dorf liegt meterhoch der Schnee, außerhalb polieren die peitschenden Winde eine dicke Eisschicht auf die ungeschützten Straßen. Auf See rollen wild tosend die Wellen heran, nicht mal die Fischer sind draußen, und das will für isländische Fischer wirklich was heißen.

Ob wir überhaupt noch mal rausfahren können, ist unklar. Früher hätte mich das arg frustriert: Dort draußen die Orcas, »Roulette«, ihr Junges, vielleicht sogar »Kinky« und »Thunderstorm«, jeder neue Tag womöglich ein weiterer »gift day«, und wir hier drinnen, eingeschlossen, tagelang, den eisigen Launen der Natur ausgesetzt, ohne jeden Einfluss und mit rein gar nichts zu tun.

Theresa sagt, dass es absolut in Ordnung wäre, wenn wir hier keine weiteren Touren mehr machen könnten: »Besser kann es doch eh nicht mehr werden.« Ich glaube, sie hat recht.

Zu meiner Überraschung bin ich jedoch komplett ruhig. Theresa sagt, dass diese Winterreise vielleicht unsere bislang beste Idee überhaupt war. Und ja, ihrer Meinung nach wäre es sogar absolut in Ordnung, wenn wir hier bis zu unserer Abreise keine weiteren Touren mehr machen könnten. »Besser kann es doch eh nicht mehr werden«, sagt sie, und ich glaube, sie hat recht.

In ein paar Tagen soll der Sturm vorüber sein.

P.S.: Wer jetzt auch einmal die Orcas vor Snaefellsnes beobachten möchte, sollte vor allem im Winter unbedingt ein wenig Zeit mitbringen, am besten zwei oder drei Nächte, um aufgrund des rauen Wetters gute Chancen auf zumindest eine Boots-Tour zu haben. Wer mehrere Touren machen möchte, quartiert sich am besten gleich für eine Woche ein. Da man im Laki Café and Guesthouse ganz wunderbar essen und übernachten kann und es auf Snaefellsnes alles zu sehen gibt, was Island ausmacht, lässt es sich dort auch für eine längere Zeit ganz hervorragend aushalten. Vielen Dank an Gisli für eine phantastische Zeit in Island!

P.P.S.: Vielen Dank außerdem an Marie und Karl für all die interessanten Erklärungen! Wer die gemeinnützige Arbeit der Orca Guardians unterstützen möchte, kann das über eine Spende tun: Mit der Adoption eines Orcas bekommt ihr nicht nur regelmäßige Infos über euren und die restlichen isländischen Orcas, sondern auch tolle Bilder in hoher Qualität, die ihr euch als Postkarte oder Poster drucken lassen könnt.

P.P.P.S.: Marie und Karl haben außerdem unseren Fragebogen ausgefüllt und uns dabei unter anderem verraten, was das Beste war, das ihnen jemals bei einer Wal-Tour passiert ist und worauf ihr unbedingt achten solltet, wenn ihr selbst eine eigene Walreise plant. Hier geht’s zum Fragebogen mit Marie, hier kommt ihr zu den Antworten von Karl

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