Walreise: Vancouver Island - Wilde Wälder, schroffe Küsten, endlose Strände, überall Bären und Orcas: Warum wir immer wieder nach Vancouver Island fahren.

ORCAS IM NEBEL

Wilde Wälder, schroffe Küsten, endlose Strände, überall Bären und Orcas: Warum wir immer wieder nach Vancouver Island fahren.

ORCAS IM NEBEL

Wilde Wälder, endlose Strände, überall Bären und Orcas: Warum wir immer wieder nach Vancouver Island fahren.

Credit

Ein sehr früher Morgen zwischen Alert Bay und Telegraph Cove: ein Orca sieht nach dem Rechten.

Walreise: VANCOUVER ISLAND

Die Maschine ist nicht viel größer als ein Schuhkarton, unser Kapitän ist Pilot und Flugbegleiter in einem. Er wünscht uns einen guten Flug. Wenn etwas ist, sollen wir zu ihm ins Cockpit kommen, die Tür ist offen.

Wir sind auf dem Weg nach Vancouver Island. Schon wieder. Ich bin normalerweise kein Freund davon, Orte immer wieder aufs Neue zu besuchen. Es gibt einfach zu viele interessante Orte auf der Welt. Und zu wenig Zeit, sie alle zu besuchen. Bei Vancouver Island machen wir allerdings seit Jahren eine Ausnahme.

Wir waren bislang dreimal dort, aber dabei wird es nicht bleiben. Bei jedem Besuch plane ich gleich den nächsten, die Route für Trip #4 steht bereits. Vancouver Island ist die beste Insel der Welt. Ich habe zwar noch nicht alle anderen Inseln dieser Welt gesehen, kann mich in dieser Hinsicht aber trotzdem gern schon festlegen.

Die beste Insel der Welt liegt ganz im Westen Kanadas, direkt vor Vancouver, es ist die größte Insel der nordamerikanischen Pazifik-Küste, 450 Kilometer lang, 100 Kilometer breit. Dicht bewaldet, dünn besiedelt – und in Sachen Landschaft und Tierwelt eine absolute Sensation.

Alles hier ist rau und unwirtlich, der Pazifik kracht mit voller Wucht auf die zerklüftete Küste, an den endlosen Stränden stapelt sich meterhoch das Treibholz. Die urzeitlichen Regenwälder gehören zu den größten und wildesten ihrer Art, hier leben Bären, Wölfe, Pumas, Elche und Adler. Der Pacific Rim Nationalpark bietet mit dem West Coast Trail einen der aufregendsten und schwersten Wanderwege Kanadas, das Broughton Archipelago ist mit seinen Tausenden dicht bewaldeten Inseln und Schären einer der schönsten Marine Parks der Welt. Auf dem Meer begegnet man Robben, Seelöwen, Grauwalen, Orcas und Buckelwalen. Und überall auf der Insel ist die Kultur der First Nations präsent, Totem Poles, bunte bemalte Hauswände, mystische Zeichen, eine wahnsinnige Vielfalt auf allerengstem Raum, eingebettet in eine einzigartige und grotesk schöne Landschaft. Das ist, in ganz kurz, Vancouver Island.

Man kann sich da auf auf mehreren Reisen ganz hervorragend beschäftigen. Ich habe versucht, unsere bisherigen drei Besuche in nur ein einziges Posting zu packen. War nicht einfach.

Credit

Spaziergang durch Ucluelet. Die Einheimischen schauen hier sehr genau hin.

Vancouver Island: UCLUELET

Ganz im Westen liegt Ucluelet, mitten im Herzen des Pacific Rim Nationalparks. Hier laufen die Rehe überall im Ort herum, manchmal auch Bären und Pumas. Und vom Strand aus sieht man Grauwale.

Tofino und Ucluelet sind zwei kleine verschlafene Orte mitten im Dickicht des Pacific Rim Nationalparks. Hier leben jeweils knapp 2.000 Menschen und wahrscheinlich ebenso viele Rehe, in Ucluelet laufen sie den ganzen Tag lang mitten im Ort herum. Abends hört man hier die Seehunde am kleinen Hafen brüllen.

Beide Orte haben eine lange Whale-Watching-Tradition. Vor allem Grauwale sind auf ihrer jährlichen Wanderung zwischen Mexiko und Alaska schon früh im Jahr hier zu sehen. Im März werden sie traditionell mit einem Fest begrüßt. Viele bleiben den ganzen Sommer.

Grauwale sind nicht unbedingt die schönsten Wale. Sie sind übersät mit Pocken, Narben, Flecken und allerlei Meeresgetier, das sich ungefragt auf ihnen breit macht.

Sie sind an dieser Situation allerdings auch selbst Schuld, bei der Nahrungssuche haben sie es sich etwas zu bequem gemacht: Grauwale wühlen einfach im flachen Meeresgrund herum und fressen alles, was sie dort so finden, vor allem Muscheln und Krebse.

Beim Wühlen im Sand zerkratzt jedoch die Grauwal-Haut, und allerlei Getier wandert vom Grund zum Wal. Und da Grauwale nicht gerade zu den schnellsten Schwimmern gehören, werden sie ihre Parasiten auch nur schwer wieder los. Daher also ihr etwas grobes Äußeres.

Im Betragen sind Grauwale jedoch absolut vorbildlich, sie sind neugierig, aufgeschlossen und nicht selten richtig zutraulich. In den seichten Buchten Mexikos lassen sie sich sogar mit vollem Ernst von den begeisterten Whale Watchern anfassen und streicheln. Hier im Norden sind sie allerdings sehr mit der Nahrungssuche beschäftigt, da bleibt wenig Zeit für Anderes.

Am Strand von Long Beach sind wir mehreren Grauwalen begegnet. Einer von ihnen kam immer wieder nah ans Boot und tauchte schließlich sogar direkt unter uns hindurch. Das High Five mit seiner Fluke haben wir nur ganz knapp verpasst.

In Tofino und Ucluelet braucht es nur ein paar Schritte, schon steht man mitten in einem urzeitlichen, archaischen Dickicht: verwunschene Bäume, wuchernde Moose und Flechten, alles komplett verwildert, kein Durchkommen abseits der Wege. Jede Wanderung kostet mich Überwindung. Diese Wälder sind eine andere Welt, man weiß nie, was die nächste Biegung bringt. So schön, so unheimlich, nicht nur wegen der Tiere, die hier im Unterholz umherstreifen.

Nur ein paar Schritte, schon steht man mitten in einem urzeitlichen, archaischen Dickicht. Komplett verwildert, durchaus unheimlich. Jede Wanderung kostet mich Überwindung.

Wenn man in Ucluelet zum Strand geht, steht keine zehn Meter hinter dem letzten Haus ein Schild: darauf ein Bär, ein Wolf und ein Puma – und der nüchterne Hinweis, dass man sich hier im Territorium dieser Tiere befindet und sich daher bitte nach ihren Regeln zu verhalten habe.

Diese Regeln sind sehr einfach, sie gehen so: Beim Wandern immer schön laut sein, bei einer Begegnung möglichst groß machen, unbedingt Blickkontakt halten, langsam zurückweichen, niemals rennen und dem Tier stets einen Fluchtweg lassen. Und falls es dennoch zum Angriff kommt: mit allem wehren, was man hat.

Das ist so das Grundgefühl beim Wandern, dieses Schild habe ich immer im Kopf, und je düsterer der Wald, desto präsenter das Schild. Ich versuche dann Ruhe zu bewahren und halte mir die Einheimischen vor Augen. Die bewahren schließlich auch Ruhe.

Alle Menschen, mit denen wir uns hier unterhalten, haben eine gute Bären- oder Puma-Geschichte auf Lager, meistens gleich mehrere. Manchmal stehen die Tiere einfach bei ihnen im Vorgarten. Diese Geschichten werden unterhaltsam erzählt, oft beinahe liebevoll, mit großem Respekt zwar, aber immer auch ohne Angst. Die Menschen hier sind solche Begegnungen gewohnt. Man arrangiert sich. Die Tiere waren zuerst da.

Credit

Theresa im dichten Urwald des Pacific Rim Nationalparks. Beruhigend: Falls wir einem Bären oder Puma begegnen, weiß ich ganz genau, was zu tun ist.

Vancouver Island: TELEGRAPH COVE

Im Norden der Insel liegt Telegraph Cove. Wer Orcas begegnen möchte, sollte hierher kommen, hier sind sie streng geschützt. Die Gewässer des Broughton Archipelago sind ein echtes Orca-Refugium.

Telegraph Cove besteht aus zwanzig kleinen Häuschen und einem sehr großen Parkplatz. Ein Boardwalk führt einmal um die kleine Bucht herum, im Hafen liegt die Gikumi, eines der ersten kommerziellen Whale-Watching-Boote überhaupt. Captain Jim Borrowman und seine Frau Mary haben jahrelang mehrtägige Touren durch die Johnston Strait und den Queen Charlotte Sound angeboten, jetzt steht das Boot zum Verkauf, die beiden setzen sich zur Ruhe.

Wir machen eine Tour mit Stubbs. Es ist eine der besten, die wir je gemacht haben. Es fängt schon damit an, wie die Gäste an Bord gelangen. Oft gibt es beim Einstieg Gedrängel, jeder will die besten Plätze. Bei Stubbs werden die Gäste namentlich aufgerufen und von Captain Wayne persönlich an Bord gebeten. Das Schiff ist außerdem so gebaut, dass es genug beste Plätze für alle gibt. Ge- und entspannt fahren wir los.

Unterwegs fragt Captain Wayne, wer sich alles für Vögel interessiert. Niemand meldet sich. Wayne erklärt, dass sich jeder ambitionierte Walbeobachter sehr dringend für Vögel interessieren muss. Denn wo Vögel sind, ist meistens auch Fisch, und wo Fisch ist, sind die Wale oft nicht fern.

Wir sehen einen Schwarm Möwen, der in einiger Entfernung aufgeregt über den Wellen herumflattert. Wenig später schießt genau an dieser Stelle ein mächtiger Buckelwal mit weit geöffnetem Maul aus dem Wasser. Von diesem Moment an interessieren sich wirklich alle an Bord für Vögel.

Dann kommen die Orcas. Es beginnt ganz langsam, irgendwo taucht eine spitze Finne auf, dann ein schwarzer Rücken. Eine zweite Finne, ein zweiter Rücken, dann die dritte, die vierte – und plötzlich ist der ganze Fjord voller Orcas. Eine Gruppe von zwanzig, dreißig Tieren, überall um das Boot herum kann man ihren Blas hören.

Zwischendrin ein paar kleinere Tiere, ebenfalls schwarz-weiß, aber deutlich schneller und wendiger: Weißflanken-Schweinswale. Sie schwirren zwischen den Orcas herum. Werden sie von ihnen gejagt? Machen sie sich einen Spaß mit ihnen? Schwer zu sagen, offensichtlich ein bisschen von beidem.

Später sehen wir eine zweite Gruppe Orcas. Sie tauchen direkt zwischen ein paar Kajakern auf. So ein Kajak dürfte für einen Orca nicht viel mehr als ein kleines Streichholz sein. Man muss wohl Vertrauen haben.

Eine Gruppe Orcas taucht direkt zwischen ein paar Kajakern auf. So ein Kajak dürfte für einen Orca nicht viel mehr als ein kleines Streichholz sein. Man muss Vertrauen haben.

Am Ende der Tour steuert Captain Wayne das Boot in eine ruhige Bucht. Unser Guide hält einen Vortrag über Orcas, Lachs, Naturschutz, Plastik, Müllvermeidung, es ist der beste und motivierendste Vortrag, den wir bisher von einem Guide gehört haben. Und die gelöste Stimmung an Bord ist die ideale Grundlage, von diesem Tag nimmt jeder etwas mit nach Hause.

Wir machen in den folgenden Tagen noch einige weitere Touren. Auf jeder sehen wir Orcas. Eines Morgens ist dichter Nebel, man sieht fast keine Farben, alles ist grau, schwarz oder weiß. Wir treffen eine Gruppe Orcas, die ihrem Nachwuchs Jagd-Techniken beibringen. Die auf dem Wasser sitzenden Möwen dienen als Trainingsobjekte: Immer wieder werden sie urplötzlich nach unten gezogen und kurz darauf losgelassen. Empört flattern sie davon.

Wir sehen Spyhops, Tailslaps, Breaches, mittendrin scheinen sich zwei Orcas sogar miteinander zu vergnügen. Es ist wirklich einiges los, ich mache gut Tausend Fotos. Magischer Tag.

Credit

Ein Orca wird von drei Weißflanken-Schweinswalen veralbert. Er ist stärker, sie sind wendiger.

Vancouver Island: FORSCHUNG

Ein kleines Stück weiter östlich liegt das Robson Bight / Michael Bigg Ecological Reserve, ein 1.200 Hektar großer Marine Park, in dem die Orcas streng geschützt sind. Hier darf niemand rein.

Michael Bigg ist der Urvater der Orca-Forschung, mit ihm fing alles an. Mitte der 70er war ihm aufgefallen, dass sich Orcas zwar allesamt ähnlich sehen – dass es aber sehr wohl eindeutige Unterschiede gibt. Form und Größe der Finne sehen bei jedem Tier anders aus, ebenso die hellen Muster auf dem Rücken. In Kombination lässt sich über diese Merkmale jedes Individuum zweifelsfrei unterscheiden.

Die Unterscheidung über Finne und Rücken machte es möglich, die Tiere anhand von Fotos zu bestimmen – die Foto-Identifikation war geboren. Sie ist bis heute überall auf der Welt DAS Mittel zur Bestimmung von Walen. Während es bei Orcas um die Finne geht, ist es bei Buckelwalen die Fluke, bei Blauwalen das Muster, jede Spezies hat andere Merkmale.

Ursprünglich hatte man vermutet, dass es rund um Vancouver Island über Tausend Orcas gibt. Die Forschungen von Bigg und seinen Kollegen ergaben jedoch, dass es knapp halb so viele sind. Sie machten zudem klar, dass es drei komplett verschiedene Orca-Gruppen gibt, die nichts miteinander zu tun haben.

So gibt es lokal ansässige Gruppen (Residents), die in stabilen Verbänden leben, die stets von der Mutter angeführt werden. Diese Familien bleiben ein Leben lang zusammen. Dialekte und Jagdtechniken geben sie an die nächste Generation weiter. Residents ernähren sich nur von Fisch und hier am liebsten von Lachs. Da dieser jedes Jahr zum Laichen zurückkehrt, sind die Residents verlässlich hier anzutreffen.

Daneben gibt es lokal unabhängige Orcas (Transients). Sie unternehmen größere Wanderungen und schließen sich vor allem zur Jagd in kleinen Gruppen zusammen. Sie ernähren sich ausschließlich von Säugetieren wie Robben, Delfinen oder kleineren Walen. Sie sind ebenfalls regelmäßig rund um Vancouver Island anzutreffen, allerdings wenig vorhersehbar. Transients werden oft auch Bigg’s Killer Whales genannt.

Über die dritte Gruppe (Offshores) weiß man so gut wie nichts: Sie leben weitab von der Küste und sind daher nur schwer zu beobachten.

Jede Familie und jedes Tier sind bestens bekannt. Die Forschungen von Michael Bigg und seinen Kollegen haben es möglich gemacht, einen kompletten Orca-Stammbaum zu erstellen.

Auf Grundlage der Forschungen von Michael Bigg war es im Laufe der Zeit möglich, einen kompletten Stammbaum der Orcas von Vancouver Island zu erstellen. Jede Familie und jedes Tier sind den Menschen hier bestens bekannt, Verstorbene werden betrauert, Neugeborene euphorisch begrüßt. Wohl nirgendwo sonst gibt es einen so großen und so weit zurück reichenden Orca-Datenschatz wie hier. Vancouver Island ist für Orca-Forscher bis heute einer der wichtigsten Orte der Welt.

Seit Ende der 70er Jahre betreibt hier auch Paul Spong Orca-Forschung. Fast in Sichtweite des Ecological Reserve leitet er mit seiner Frau Helena auf Hanson Island das Orca Lab. Hier wird vor allem zugehört: Über ein breites Netz an Hydrofonen wird ein großer Teil des Lebensraums der Northern Residents abgehört. Die Aufnahmen laufen seit Jahrzehnten, Spong kann jede Orca-Familie anhand ihres Dialektes erkennen.

Das Orca Lab hat seit einiger Zeit auch einen Live Stream, über den man den Orcas jederzeit zuhören kann. Wir haben auf einer unserer Touren mit Stubbs immerhin einen kleinen Einblick bekommen:

Credit

Auf einer Tour mit Stubbs hören wir bei den Einheimischen rein.

Wer sehr viel Glück hat, kann den Orcas von Vancouver Island auch direkt am Strand begegnen. Aus unbekannten Gründen kommen sie gelegentlich ganz nah ans Ufer, um sich im flachen Wasser an den Kieselsteinen zu reiben. Niemand weiß, wieso sie das tun, es gibt ein paar wissenschaftliche und spirituelle Ansätze, so richtig überzeugend ist jedoch keiner.

Das Ecological Reserve ist tabu, wir hören jedoch von einem Strand auf Malcolm Island, an dem sich die Orcas ebenfalls reiben sollen. Wir fahren hin.

Am Strand warten wir mehrere Stunden. Wir haben Erfahrung im Warten, in Quebec hat das mit den Belugas schließlich ganz hervorragend geklappt. In der Ferne bläst ein Buckelwal, er schwimmt parallel zum Strand. Wenig später ein zweiter. Aber keine Orcas. Nach vier, fünf Stunden geben wir auf, zumindest für heute.

Am nächsten Tag der zweite Versuch. Am Strand treffen wir Kate, sie campt hier jedes Jahr von April bis Oktober. Wegen der Orcas. Sie weiß auch nicht, warum sie sich an den Kieseln reiben. Sie weiß aber, dass sie genau heute Morgen hier waren. Sie zeigt uns ein Video: Orcas direkt am Strand, genau hier, wo wir gerade stehen.

Kate sagt, dass die Orcas normalerweise nicht zweimal an einem Tag kommen. Pech für uns. Gehen wir also wandern. Auf den kleinen Inseln fühle ich mich etwas wohler, Bären und Pumas gibt es schließlich nur auf der Hauptinsel und auf dem Festland.

Später hören wir, dass auf einer der umliegenden Inseln ein Grizzly gesehen wurde, der offenbar vom Festland herüber geschwommen ist und hier nun Insel-Hopping betreibt. Ich bin ganz froh, dass ich das erst nach unserer Insel-Wanderung erfahren habe.

Credit

Als es ihm zu langweilig mit uns wird, watet der junge Grizzly hinüber ans andere Ufer. Dann ist er weg.

Vancouver Island: BÄREN

In Port Hardy lernen wir, dass Bär nicht gleich Bär ist, und dass man sich bei einer Begegnung mit einem Grizzly komplett anders verhalten muss, als bei einem Schwarzbären.

Bei Grizzlies muss man sich klein machen, schüchtern und zurückhaltend auftreten, leise und rückwärts weggehen, Gesicht nach unten, kein Blickkontakt. Grizzlies sind immer der Chef und wollen auch so behandelt werden. Schwarzbären dagegen sind viel weniger selbstbewusst, daher muss man ihnen gegenüber eher bestimmt auftreten.

Es ist also durchaus wichtig, Schwarz- und Braunbären unterscheiden zu können. Fehler können fatal enden. Einfache Faustregel: nicht auf die Farbe achten, sondern auf die Schultern. Die Farbe kann bei beiden Arten stark zwischen grau, braun und schwarz variieren. Nur Grizzlies jedoch haben diesen typischen Buckel hinter der Schulter. Darauf muss man achten!

Von Telegraph Cove aus machen wir mit TideRip eine Boots-Tour zum Festland. In den Fjorden des Knight Inlet trifft man um diese Jahreszeit besonders viele Grizzlies. Zwei Stunden Fahrt, wir sehen Buckelwale und Orcas, es wird niemals langweilig. Im Knight Inlet steigen wir in ein kleineres Boot um. Auf dem Fluss geht es in den Wald.

Unser Guide zieht das Boot durch das seichte Wasser. Absolute Stille, nur das leise Plätschern des Flusses. Dann ein Knacken. Unser Guide hält den Finger vor den Mund. Niemand rührt sich. Auf der Fahrt haben wir gelernt, dass Knacken ein gutes Zeichen ist. Die meisten Tiere versuchen leise zu sein. Nicht so der Grizzly. Er ist der Chef, er macht Krach.

Wir stehen eine Weile still auf dem Wasser. Nichts passiert. Falscher Alarm? Unser Guide zieht uns weiter. Nach ein paar Metern wieder ein Knacken. Dann ein Knistern und Rascheln. Wir bleiben stehen, alle bis zum Zerreißen gespannt. Unser Guide steht bis zum Bauchnabel im Wasser, drei Meter zum Ufer.

Plötzlich sehe ich ihn, direkt hinter dem Guide, der sich ausgerechnet jetzt zu uns umgedreht hat: Der Bär steht direkt in seinem Rücken, bestens getarnt durch das Unterholz. Ich deute etwas erschrocken zum Ufer, der Guide dreht sich um, hebt ganz langsam die Hand. Niemand atmet. Totenstille.

Der Bär bleibt eine Weile so stehen, schaut zu uns rüber. Wir warten. Der Guide genau zwischen uns. Irgendwann beschließt der Bär, dass etwas passieren muss. Er tritt aus dem Unterholz hervor. Wahrscheinlich könnte er unseren Guide (und uns!) mit nur einem einzigen Satz locker erreichen. Stattdessen schlendert er langsam am Ufer entlang.

Der Bär hat hier das Sagen, ganz allein, wir können nur warten und gucken. Er schlendert am Ufer entlang, betont gleichgültig. Der junge Grizzly ist ein schlechter Schauspieler.

Es ist ein junger Grizzly, das ist auch ohne große Grizzly-Kenntnisse unverkennbar, weniger wegen seiner Größe, mehr wegen seines Auftretens, er wirkt irgendwie unerfahren und forsch zugleich. Unser Guide schätzt ihn später auf drei, höchstens vier Jahre, wahrscheinlich ist er noch nicht allzu lang ohne seine Mutter unterwegs. Ein Halbstarker, zumindest aus Grizzly-Sicht.

So jung er auch ist, der Bär hat das Sagen, ganz allein, das ist allen klar. Er entscheidet hier, was passiert. Wir versuchen nur, möglichst wenig zu atmen. Der Bär schlendert am Ufer entlang, betont gleichgültig, man nimmt es ihm nicht ab, irgendwie interessiert er sich schon. Er schaut zu uns rüber. Was wir machen. Ob wir noch gucken. Dann wieder ignoriert er uns komplett. Das geht eine Weile so hin und her. Was wohl so vorgeht, in so einem Bären?

Der junge Grizzly ist kein guter Schauspieler. Aber eine wahnsinnig beeindruckende Erscheinung. Weil hier einfach alles nach seinen Regeln läuft. Und wir nur dastehen und warten und gucken. Nach einer Weile scheinen wir ihn wirklich zu langweilen. Er steigt ins Wasser, nur ein paar Meter vor dem Boot, paddelt gleichgültig am Guide vorbei, schüttelt sich am anderen Ufer, schaut noch einmal – und verschwindet im Dickicht.

Eine Sekunde später deutet nichts, aber auch gar nichts darauf hin, dass hier gerade eben noch ein Grizzly war. Der dichte Urwald hat ihn komplett verschluckt. Ich versuche, lieber nicht an unsere nächste Wanderung zu denken.

Credit

Der Patricia Lake in der Nähe von Jasper. Laut Bootsverleiher soll er extrem kalt sein. Wir sind unsicher.

British Columbia: CANADIAN ROCKIES

Unsere nächste Wanderung findet gut 800 Kilometer weiter östlich statt: Wenn man schon mal in British Columbia ist, kann man die Canadian Rockies ja schlecht verpassen.

Wir fahren die klassische Route von Banff nach Jasper und sind durchgehend sehr beeindruckt – Johnston Canyon, Castle Mountain, Lake Louise, Moraine Lake, Icefields Parkway, Athabasca Glacier, Cirrus Mountain, Sunwapta Falls, Maligne Lake, Mount Robson: Eine Woche kommt einem da schnell wie ein ganzer Monat vor.

Die Wälder hier sind nicht halb so wild und unheimlich, wie die auf Vancouver Island. Dafür gibt es noch mehr Bären. Kurz hinter dem Moraine Lake mit seinen weltbekannten Zehn Gipfeln im Hintergrund steht ein Schild mit einem stehenden Grizzly. Darauf der Hinweis, das dies hier nun wirklich Bear Country ist, verbunden mit der Information, dass es ab hier per Gesetz nicht mehr erlaubt ist, allein oder nur zu zweit zu wandern. Empfohlen werden Gruppen von mindestens vier Personen.

Auf der Karte markiert uns die nette Rangerin eine Stelle, an der gestern ein Grizzly gesehen wurde. Wir sind uns zwar nicht sicher, ob sich Bären an Kreuze auf Karten halten, gehen aber trotzdem einfach mal los.

Am Eingang des Berg Lake Trails wiederum erklärt uns eine nette Rangerin des Mount Robson Provincial Parks den Weg. Auf der Karte markiert sie mit vielen kleinen Kringeln, was wir uns unbedingt anschauen müssen. An einer Stelle macht sie ein dickes Kreuz: »Hier müsst ihr ein bisschen aufpassen, da wurde gestern ein Grizzly gesehen.« Dann wünscht sie uns viel Spaß.

Wir sind uns zwar nicht sicher, ob sich die Bären in den Canadian Rockies wirklich an irgendwelche Schilder oder Kreuze auf Karten halten, gehen aber trotzdem einfach jeden Tag wandern. Am Ende der Woche haben wir sieben Grizzlies und sechs Schwarzbären gesehen, alle total friedlich.

Weitaus gefährlicher erschien mir ohnehin der eigentlich höchst friedlich daliegende Patricia Lake in der Nähe von Jasper. Die Idee war, dort abends einfach ein bisschen mit dem Kanu zu fahren. Statt eines Paddels gab uns der freundliche Bootsverleiher aber erst einmal zwei Schwimmwesten. Dann eine Trillerpfeife und eine Boje.

Auf unseren Hinweis, dass wir schon mal Kanu gefahren sind und eigentlich nur die Paddel benötigen, erklärte er: »Das Wasser ist wegen des Gletschers extrem kalt. Wenn ihr kentert, könnt ihr euch schon nach kurzer Zeit nicht mehr bewegen. Daher die Schwimmweste. Mit der Pfeife könnt ihr nach Hilfe rufen. Und mit der Boje findet man euch dann leichter.«

Ich bin nicht sicher, ob uns der freundliche Bootsverleiher nur veralbern wollte. Wir haben dann aber statt eines Kanus lieber ein normales Ruderboot genommen. Der Fahrt verlief ohne weitere Komplikationen.

Whaletrips SHOP

Whale Watching GUIDE