TROMSØ - Nordnorwegen ist im Winter einer der besten Orte der Welt, um Polarlichter und Wale zu beobachten. Zehn Tage 350 Kilometer nördlich des Polarkreises.

WINTER IN TROMSØ

Polarlichter, Schlittenhunde und jede Menge Wale: zehn Tage im Norden Norwegens.

WINTER IN TROMSØ

Polarlichter, Schlittenhunde und jede Menge Wale: zehn Tage im Norden Norwegens.
Theresa auf einer kleinen Schären-Insel vor Senja. Es ist etwas frisch.

Walreise: TROMSØ

Nordnorwegen ist im Winter einer der besten Orte der Welt, um Polarlichter und Wale zu beobachten. Zehn Tage 350 Kilometer nördlich des Polarkreises.

350 Kilometer nördlich des Polarkreises, das ist ungefähr die Höhe von Nordalaska. Ziemlich weit oben. Genau hier liegt Tromsø, das »Tor zur Arktis«. Dass es hier im Winter nicht halb so kalt wie in Nordalaska ist, sondern mit -10 bis -20 Grad durchaus moderat, ist dem Golfstrom zu verdanken. Darum ist Tromsø der perfekte Ort für alles, was man im norwegischen Winter draußen unternehmen kann: Hunde- und Rentierschlitten, Schneemobil-Touren, Eisfischen, Schneewandern, Nordlicht-Safari, Whale Watching – die ganze Stadt ist ein einziges, riesiges Tourangebot.

In Tromsø selbst gibt es einen kleinen Hafen, eine gläserne Bibliothek, die eisig weiße Eismeerkathedrale, eine Roald-Amundsen-Statue, das Polarmuseum und die gigantische Tromsø-Brücke, die vollkommen absichtlich so gigantisch ist, damit die Hurtigruten-Schiffe auf ihrem Weg zum Nordkap noch halbwegs drunter durch passen. Außerdem gibt es die Bastard Bar und einen Plattenladen, der sämtliche Platten von Røyksopp hat, weil Røyksopp eben aus Tromsø kommen. Das ist es im Prinzip.

Auf jeden Fall einen Besuch wert: das Polarmuseum. Dort gelernt: Einer der berühmtesten Söhne der Stadt war der etwas verrückte Trapper Henry Rudi (1889 bis 1970), der 27 Winter in der Arktis verbracht und dabei angeblich 713 (!) Eisbären erlegt hat – Henry Rudi wurde aufgrund dieser Leistung auch Isbjørnkongen genannt, Eisbärkönig.

Im Polarmuseum sind zahlreiche Fotos zu sehen, auf denen Henry Rudi nach seiner Zeit als Trapper im norwegischen Jet Set ein und aus ging, Eisbären zu erlegen galt zumindest damals als ziemlich cool. Auf einem Foto ist Henry Rudi zudem zu sehen, wie er auf einem Eisbär reitet – ich gehe davon aus, dass der Eisbär bereits tot und gefroren war, dennoch war Henry Rudi im europäischen Eisbären-Business damals ganz sicher die Referenz.

Außerdem im Polarmuseum gelernt: Im November 1992 hatte Erling Kagge, ein Rechtsanwalt aus Oslo, offenbar das Gefühl, dass er mal ein bisschen raus muss. Er hat sich daher auf den Weg zum Südpol gemacht, auf Skiern, komplett allein, und dabei 1400 Kilometer in 50 Tagen zurückgelegt, ohne Verbindung zur Außenwelt, und irgendwo unterwegs ist ihm ein bisschen die Nase eingefroren. Ich dagegen spiele in meiner Freizeit gelegentlich Tischtennis in der Kreisliga. Ich finde, Erling Kagge ist ein super Typ. Das ist er:

Nordnorwegen im Dezember, das bedeutet circa vier Stunden Helligkeit pro Tag. Um neun sieht man den Mond am Himmel, gegen zehn fängt es an zu dämmern, um elf ist es hell, ab drei wird es dunkel, um vier ist es schwarz. Die Sonne sieht man nie, dafür müsste man ein paar hundert Kilometer weiter nach Süden fahren. Der dunkelste Tag des Jahres ist der 22. Dezember. Ab da ist es jeden Tag ein kleines bisschen länger hell, Mitte Januar sind es schon wieder fünf bis sechs Stunden Licht.

Ich stelle mir das wie einen einzigen monatelangen Sonnenaufgang vor, bis im Sommer dann die Sonne rund um die Uhr am Himmel steht. Ich kann das nicht beschreiben, und auch die Fotos geben eher eine Stimmung wider, aber ich habe wirklich noch niemals und nirgendwo ein auch nur annähernd vergleichbares Licht gesehen. Allein dieses Licht lohnt eine Reise nach Nordnorwegen im Dezember.

Zwei, drei Tage reichen locker aus, um Tromsø zu sehen, danach fährt man am besten weiter auf eine der umliegenden Inseln. Zum Beispiel nach Senja, eine Stunde mit der Fähre, fünfzig Kilometer südlich, die zweitgrößte Insel Norwegens:

Der Bergsfjord auf Senja, Nordnorwegen. Es ist Mittag, heller wird es nicht.

Erster Halt: BASECAMP SENJA

Am Kamin sitzen und dabei Orcas, Finnwale und Buckelwale beobachten: drei Tage Whale Watching mit dem Basecamp Senja.

Die Wale sind seit ein paar Jahren in dieser Gegend. Sie folgen dem Hering, der alle paar Jahre etwas weiter nach Norden zieht, wahrscheinlich wegen des Klimawandels, so genau weiß man das nicht. Die Fjorde hier sind voller Hering. So voll, dass es bei Windstille wie heftiger Regen oder eine stark befahrene Straße klingt. So laut ist es. So viel Hering ist im Fjord.

Seit ein paar Jahren kommen die Wale jeden Winter. Buckelwale, Orcas, manchmal sogar Finnwale, gut 25 Meter lang. Nordnorwegen ist einer der besten Orte der Welt, um im Winter Polarlichter und Wale zu beobachten. Im Basecamp Senja bieten Trude Mørkved und Dag Strømhold mehrtägige Touren an, tagsüber fährt man mit dem kleinen Zodiac im Fjord umher, Wale beobachten, abends mit dem Jeep über die Insel, Polarlichter jagen, zwischendrin gibt es Vorträge, und Trude kocht hervorragendes norwegisches Essen. Bis zu zehn Leute können pro Tour dabei sein. Wir hatten Glück und waren kurz vor Weihnachten sogar die einzigen beiden Gäste, und Trude und Dag waren die herzlichsten Gastgeber, die man sich vorstellen kann.

Wale vor Senja, mit dem iPhone gefilmt. Es wackelt ein bisschen und ist nicht immer ganz scharf.

Wir haben jeden Tag Wale gesehen. Als wir ankamen, siebzehn Uhr, war es dunkel und windstill. Man konnte auf der Terrasse stehen und überall im Fjord den Blas der Tiere hören. Am nächsten Morgen konnte man sie schon vom Frühstückstisch aus sehen: Finnwale, Buckelwale, Orcas, jeden Tag dreißig, vierzig, fünfzig, ohne Übertreibung, immer auf der Jagd nach Hering, manchmal keine fünf Meter um das Boot herum.

In Kanada sind wir stundenlang geduldig hinter ein paar Orcas oder Grauwalen her geschippert, hier sitzt man am Kamin und sieht links eine Gruppe Orcas vorbeischwimmen, rechts zwei Buckelwal-Fluken und in der Mitte den meterhohen Blas der Finnwale. Absolut surreal.

An einem der Tage wurden wir von einem Profi-Kamerateam begleitet, das wegen eines Interviews mit Trude ins Basecamp gekommen war und uns dann bei der Bootstour begleitet hat. Ich gehe davon aus, dass die Aufnahmen mit der Steadycam deutlich besser sind als meine mit dem iPhone. Sobald ich das versprochene Video bekommen habe, werde ich es hier posten. Es werden voraussichtlich dieselben Wale zu sehen sein, allerdings deutlich schärfer und größer.

Orcas im Bergsfjord von Senja. Es waren dreißig, vierzig, fünfzig. Jeden Tag.

Zweiter Halt: POLARLICHTER

Auf der Jagd nach den Nordlichtern. Dabei gelernt: sie sehen in echt doch ein bisschen anders aus als zum Beispiel auf Instagram.

Polarlicht. Ich bin da ein bisschen hin und hergerissen. Zum einen natürlich mystisch und großartig, klar, plötzlich taucht es hoch oben am Himmel auf, tanzt umher, ganz langsam und bedächtig, wird größer, stärker, flammt, lodert – und verschwindet wieder. Auf der anderen Seite ist Polarlicht aber auch eines dieser Phänomene, das auf Fotos oder im Zeitraffer phantastischer aussieht, als in der Realität.

Man braucht eine vernünftige Kamera mit Stativ und Belichtungszeiten von zehn Sekunden oder länger. Nur dann ist Polarlicht dieses neongrüne Leuchten am Himmel, das man unter #auroraborealis gephotoshopped bei Instagram findet.

Mit bloßem Auge ist Polarlicht ein unterschiedlich starker grüner, wabernder Nebel am Himmel, den man mit dem iPhone nicht fotografieren kann. Ich habe es natürlich trotzdem jede Nacht aufs Neue versucht. Das Ergebnis ist, nun ja, bescheiden. Die ersten drei Fotos sind von Trude, die zweiten drei sind meine besten Versuche:

Schön, dass das Kamerateam am Abend noch da war und selbstverständlich auch für ein ordentliches Polarlicht-Shooting alles dabei hatte, inklusive Scheinwerfer, mit denen man von jeder Seite für wenige Sekunden bestrahlt wird, damit nicht nur im Hintergrund das Polarlicht schön grün leuchtet, sondern auch im Vordergrund etwas zu sehen ist.

Foto: Josias Dein | rotorcinema.no

Ich habe Trude und Dag, unsere Gastgeber im Basecamp Senja, bei der Ankunft gefragt, welche Jahreszeit ihnen die liebste ist. Beide sagten sofort und ohne zu überlegen: »Der Winter! Wir lieben den Winter hier! Der Winter ist die schönste Zeit!« Ich konnte das schon nach einem einzigen Tag komplett nachvollziehen.